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Schwäbische Zeitung 16.06.2010
Das Jubiläumsgeschenk der Binders ist mehr als ein Lesebuch
(FRIEDRICHSHAFEN/sig) 20 Jahre gibt im nächsten Jahr die Städtepartnerschaft zwischen Polozk und Friedrichshafen, 15 Jahre den „Freundeskreis Polozk“ – und jetzt ein Buch darüber. Rotraut und Jürgen Binder haben es geschrieben und am Dienstagabend im Graf-Zeppelin-Haus vor 200 Polozk-Freunden vorgestellt.
Seit einer Woche ist Ex-OB und -Wirtschaftsminister Professor Martin Herzog im Besitz dieses Werkes, das ein Lesebuch sein möchte. Ein Lesebuch zur Partnerschaft zwischen Polozk und Friedrichshafen, wie das ehemalige Stadtoberhaupt bemerkte, das erst vor einigen Wochen das Mühlenbuch von Ernst Haller besprochen hat. Und der dennoch auf seine alten Tage nicht auch noch Literaturkritiker werden möchte -- „so eine Art Taschenbuchausgabe von Marcel Reich-Ranitzki“, wie er augenzwinkernd anmerklte. Im Übrigen hätte es Reich-Ranitzki sicher abgelehnt, zu kommen, denn an diesem Buch gäbe es nichts zu zerreißen, „sondern viel zu loben, zu rühmen und wohl auch zu danken“, wie Herzog resümierte. „Mir gefällt dieses Buch ungemein gut. Es ist mir sogar ziemlich ans Herz gewachsen. Was kann man besseres über ein Druckwerk sagen?“, fragte er rhetorisch.
Jürgen Binder mit seiner unvergleichlich spitzen Feder werde ihm beipflichten: „Unter den Städtepartnerschaften gibt es sotte ond sotte ond manchmal auch mehr sotte als sotte. Die Städtepartnerschaft mit Polozk sei in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Herzog erinnerte an die Brautschau, als eine Stadt in einem Gebiet in der ehemaligen UdSSR gesucht wurde, das im Zweiten Weltkrieg von Deutschen verwüstet und zerstört wurde. Rotraut Binder hatte das Anliegen damals klar präzisiert: „Wir möchten die letzten Stückchen Eis in den Seelen der Menschen, deren Heimatländer während des letzten Weltkriegs Todfeinde waren, schmelzen lassen“. Diese Vision, lobte Herzog, habe sich in den zwei Jahrzehnten zu einem gelebten und gereiften Miteinander entwickelt. Wobei auch die Weisheit der Überlebenden und Geschundenen mitgeholfen habe. Marija aus Polozk sagt zum Beispiel: „Es gibt keine schlechten Nationen, es gibt nur schlechte Menschen.“
Martin Herzog zitierte aus dem Buch (eine Besprechung folgt) und sprach von einem erfrischenden, fundierten und nie langweiligen Lesebuch, das wieder vorzüglich vom Verlag Robert Gessler präsentiert worden sei, der sich damit wieder einmal zu seiner Heimatstadt bekenne. Hohe Anerkennung zollte Herzog denen, die diese besondere Partnerschaft am Leben und Blühen gehalten haben. Beispielhaft nannte er die verstorbenen Pfarrer Rinderspacher und Kurt Benz. „Diese weißrussisch-schwäbische Partnerschaft ist von ihrem Anspruch und der Art, wie sie gelebt wird, ein Leuchtturm unter den Städtepartnerschaften des Landes. Also ganz bestimmt eine sotte und keine sotte.“ MH und seine Frau haben sich nach der Lektüre geschworen: „Da fahren wir hin!“
Noch vor dem Stehempfang gingen die ersten Bücher am Stand der Buchhandlung Gessler weg wie warme Semmeln. Rotraut und Jürgen Binder haben die 180 Seiten umfassende Neuerscheinung, die ab sofort im Handel zu haben ist, dem Freundeskreis Polozk zum Geschenk gemacht. Sie verzichten auf Honorar und Rechte. Der Erlös kommt Polozk zugute.
Eine Lesung von Rotraut und Jürgen Binder ist am Sonntag, 20. Juni, um 11 Uhr, bei „KlinikArt“ im Foyer des Klinikums geplant.
Südkurier 16.06.2010
Ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk
Jürgen und Rotraut Binder haben ein Buch über Polozk geschrieben, das sie dem Freundeskreis zum 15. Geburtstag schenken
Friedrichshafen (kck) Der Titel macht neugierig: „Polozk – Gibt es da auch einen Urwald?“ Den gibt es freilich nicht. Dafür ist es in der weißrussischen Partnerstadt von Friedrichshafen im Winter zu kalt und im Sommer zu trocken. Seit inzwischen schon 20 Jahren werden freundschaftliche Bande nach Polozk in „Belarus“ gepflegt. Und doch wurde den Binders die titelgebende Frage vor noch gar nicht so langer Zeit bei einem Schulbesuch tatsächlich gestellt. Was eindrücklich zeigt, dass es eben doch noch viele Häfler gibt, die nur wenig über Polozk wissen. Mit ihrem Lesebuch, das das engagierte Ehepaar gestern Abend im Graf-Zeppelin-Haus erstmals öffentlich präsentierte und das ab heute im Handel ist, bringen Rotraut und Jürgen Binder diese wohl am intensivsten gelebte Städtepartnerschaft Friedrichshafens den Lesern sehr nahe
Die ehemalige SPD-Stadträtin ist Gründungsmitglied des Freundeskreis Polozk und eine von zwei Vorsitzenden. Ihren Mann Jürgen, stadtbekannter Seegockel-Elferrat und Büttenredner a.D., hat sie wenig später ebenfalls mit dem „Polozk-Virus“ angesteckt. Wie oft sie seither in der Partnerstadt waren, können sie kaum noch zählen. Jürgen Binder war vor zwei Jahren sogar drei Monate am Stück in Polozk. „Ich wollte schon immer mal ein Buch schreiben“, erklärt der wortgewandte Häfler, der eher daran gedacht hatte, mal seine gesammelten Büttenreden herauszugeben. Doch dann lebte er ein Vierteljahr mitten im weißrussischen Alltag und erlebte Geschichten, die freilich ebenfalls Eingang in das Buch gefunden haben.
„Valentina hat gesagt, ich wäre ein Held, weil ich es dort drei Monate freiwillig ausgehalten habe“, erzählt er schmunzelnd. Valentina, der das Buch gewidmet ist, war bis zur ihrem Tod die beste Freundin der Binders und bis dahin eifrigste Bezugsperson in der Partnerschaft zwischen Freundeskreis und Polozker Frauenrat. Dabei habe er fast im Luxus gelebt. „Mit dem, was ich für einen Monat hatte, muss eine Polozker Familie drei Monate auskommen.“
Was in dem reich bebilderten, mit rund 200 eigenen Fotos ausgestatteten Druckwerk nachzulesen ist, soll Spaß machen und Lust auf die Begegnung mit den Menschen in der Partnerstadt. Über 500 Häfler hat der Freundeskreis in den vergangenen Jahren mit dem „Polozk-Virus“ angesteckt. „Wer einmal da war und die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen dort erlebt hat, der pflegt die Kontakte zu den Familien weiter“, sagt Rotraut Binder, stolz über die Freundschaften stiftenden Erfolge des Vereins, der sich freilich auch in vielfältiger Weise helfend bewiesen hat. Über diese Begegnungen und die vielen Geschichten drumherum berichten die Binders so anschaulich und liebevoll, dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legen möchte.
Die nächste Lesung von Rotraut und Jürgen Binder ist am Sonntag, 20. Juni, 11 Uhr bei „KlinikArt“ im Foyer des Krankenhauses.
Südkurier 18.06.2010
Vom Blickwinkel des Freundes
Einblick in die russische Seele und 15 Jahre Partnerschaft: Rotraut und Jürgen Binder schaffen mit ihrem Lesebuch Nähe zu Polozk
Wer eine Mutter fragt, welches ihrer fünf Kinder sie am liebsten mag, wird wohl in den meisten Fällen die Antwort bekommen: alle. Ähnlich geht es Rotraut Binder, die am Dienstag mit Co-Autor und Ehemann Jürgen Binder erstmals ihr Lesebuch „Polozk – Gibt es da auch einen Urwald?“ vorgestellt hat. In dem 176 Seiten starken Band stehen 67 Geschichten, alle selbst erlebt, „und wir hängen an jeder einzelnen“. Sie sagt das liebevoll, wie eine Mutter. Und irgendwie ist Rotraut Binder ja auch eine Mutter dieser Städtepartnerschaft zwischen Friedrichshafen und Polozk, dieser fernen Stadt in Belarus, die die Binders mit ihren Geschichten nun einer breiten Leserschaft nahebringen wollen.
Die ehemalige SPD-Stadträtin ist – genau wie ihr Mann – Gründungsmitglied des Freundeskreises Polozk, der fünf Jahre nach Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde aus der Taufe gehoben wurde. Seither ist Rotraut Binder mit dem gleichberechtigten Vorsitzenden Karl Bachmann Motor dieser Partnerschaft, die der Freundeskreis – neben dem Wirken des Polozk-Treff und der katholischen Kirche Friedrichshafen – wortwörtlich mit Leben füllt, denn der Verein sucht und pflegt die Verbindung zu den Menschen in Weißrussland.
Mit ein paar Lieblingsgeschichten rücken die beiden Autoren dann doch heraus. Anrührende wie jene über die Folgen von und das Leben nach Tschernobyl. Oder lustige wie die, in der sie unblutig zu einer Jagdtrophäe kamen. Eingeladen in das Holzhaus einer Familie, hing ein imposantes Gehörn an der Wand. Sie habe Interesse geheuchelt, wie man das als aufmerksamer Gast eben mal tut, sagt Rotraut Binder. Aber der Schuss ging nach hinten los. Sie musste sich nicht nur die Jagdgeschichte dieses Steinbocks in allen Details anhören, sondern am Ende auch mit Engelszungen ein für sie gruseliges Gastgeschenk abwehren. Trotzdem hängt jetzt ein Hirschkopf mit Geweih im Haus der Binders... Jürgen Binder erzählt schmunzelnd von seiner Lieblingsgeschichte, die sich mit Omen, Geistern und schwarzen Katzen befasst, denn die Russen sind abergläubisch. Was diesbezüglich alles nicht geht, hat er bei seinem Dauer-Aufenthalt wohl am intensivsten erfahren. Viele Geschichten, die er im Kapitel „Drei Monate Polozk im Selbstversuch“ beschreibt, beschäftigen sich mit dem Alltag in dieser Stadt, den er aus der Nähe und nicht nur als Gast während weniger Tage kennen lernen wollte.
Dieses Buch geht unter die Haut, weil es authentisch, mit Herz und Verstand geschrieben ist. Dazu tragen nicht zuletzt die rund 200, selbst „geschossenen“ Fotos bei, die manchmal Bände sprechen. So erfährt der Leser in Wort und Bild unheimlich viel über Land und Leute, Sitten und Gebräuche – erzählt aus der Perspektive des Freundes. Doch bei aller Sympathie für die „russische Seele“ mit ihrer überwältigenden Herzlichkeit und Gastfreundschaft verklärt dieses Buch auch nicht die Probleme, mit denen die Polozker und ihre Landsleute zu kämpfen haben. Geschichten über die Partnerprojekte zeigen, wie der Freundeskreis bislang helfen konnte und wie notwendig diese Hilfe nach wie vor ist.
Sie wollen Sympathiewerbung für die Partnerstadt machen, über Polozk erzählend informieren, erklärt Rotraut Binder, warum sie und ihr Mann sich dieses Projekt aufgeladen hatten, das nur dank Sponsoren überhaupt gelungen ist. Jetzt sind sie stolz auf ihr Buch, das sie dem Freundeskreis Polozk, dem Herausgeber, zum 15. Geburtstag geschenkt haben. Wer Lust auf die Begegnung mit Menschen in Belarus hat, kann sich lesend auf eine erste, eindrucksvolle Reise begeben.
Das Buch Polozk – Gibt es da auch einen Urwald? gibt es im Buchhandel und beim Freundeskreis für 19,80 Euro zu kaufen. Die nächste Lesung ist am morgigen Samstag bei „KlinikArt“, 11 Uhr, im Foyer des Klinikums Friedrichshafen.
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„Um zu Freunden zu kommen, ist uns kein Weg zu weit“
„Um zu Freunden zu kommen, ist uns kein Weg zu weit“
(FRIEDRICHSHAFEN/sz) Martin Herzog und seine Frau haben nach dem Lesen des Buches spontan beschlossen: „Wir fahren nach Polozk“! Was Rotraut und Jürgen Binder mit ihrem Buch „Polozk – Gibt es da auch einen Urwald?“ aufgelegt haben, ist viel mehr als nur ein Lesebuch zur Partnerschaft mit der belarussischen Stadt Polozk, wie es im Untertitel heißt.
Von unserem Mitarbeiter Siegfried Großkopf
Selbst wenn Weihnachten noch weit ist: Bis dahin sollte es in jedem Häfler Bücherschrank stehen. Das Buch ist, um es vorweg zu nehmen, die authentische Beschreibung der lebendigsten Partnerstadt Friedrichshafens mit ihren Menschen, die man allesamt beim Namen kennt, wenn man auf der letzten Seite angekommen ist -- und man bedauert, dass das Ende bereits auf Seite 176 gekommen ist, auch wenn man nie in Polozk war. Doch es ist noch viel mehr.
Als würden sie ständig Bestseller schreiben, so einfühlsam schildern Rotraut und Jürgen Binder in ihren wechselweisen Kapiteln die zahllosen Begegnungen, die Häfler in der belarussischen Stadt erlebt haben -- und immer wieder erleben dürfen. Den Auftakt macht die Reportage über einer 38-stündige Bahnfahrt vom Stadtbahnhof in Friedrichshafen nach Witebsk, wo die Freunde warten, auch morgens um 3 Uhr, weshalb der Autor fragt: „Was sind gegen einen solchen Empfang schon 37 Stunden Zugfahrt?“ Jürgen Binder berichtet über zeitraubende Grenzerlebnisse und die Geduld, ohne die nichts geht, erst recht, als er mit anderen mit einem humanitären und einem Rückholfahrzeuge ganze 50 Stunden unterwegs ist, von denen man allein 20 Stunden an der Grenze verbringt: „Um zu Freunden zu kommen ist uns kein Weg zu weit.“
Beitrag zur Völkerverständigung
Rotraut und Jürgen Binder bringen die am intensivsten gelebte Partnerschaft aller weißrussisch-deutschen Verbindungen so lebendig zum Leser, dass der nach wenigen Seiten gefesselt ist, oft betroffen. Denn er hat keine Reisebeschreibung in der Hand, sondern er wird mitgenommen in die Familien, nimmt Teil an deren Sorgen und Nöte, freut sich mit ihnen wenn sie feiern -- gerne mit ihren Freunden vom Bodensee. Und für den Leser steht fest, diejenigen, die sich in Friedrichshafen seit vielen Jahren mit dieser Partnerschaft identifizieren und vom Virus Polozk gepackt sind, haben bis heute Großartiges in Sachen Völkerverständigung und Brückenschlag geleistet.
Zu ihnen gehören Menschen wie Horst Keller, der ehemalige Chef der Stadtwerke Friedrichshafen, der in Polozk ein Wasserwerk gebaut hat, das nach ihm benannt wurde. Oder Andreas Wolter, wenn der mit einem Hörgerät aus Friedrichshafen anreist, um es einem kleinen Jungen einzusetzen, der bis dahin nichts gehört hat. Nur zwei Beispiele von vielen.
Ein paar Zahlen zum Leben in Polozk: Das Erzieherinnen- wie Lehrerinnen-Gehalt beläuft sich auf um die 50 Euro, der Professor an der Uni bekommt etwa 100, wie auch der Rentner und Kriegsveteran. Der Top-Informatiker verdient 350 Euro. Die Schwester vom Roten Kreuz erhält 30 Euro – sofern die Organisation gerade Geld hat. Seit drei Monaten hat sie es nicht. Also bekommt sie nichts. Die Preise für ein Paar Schuhe belaufen sich auf 19 Euro, ein Pfund Brot kostet 0,2 bis 0,3 Euro, ein Kilo Geflügel 1,40 Euro, ein Hemd oder eine Bluse um die sechs Euro.
Von Walentina, der verstorbenen Vorsitzenden des Frauenrates, der dieses Buch neben anderen gewidmet ist, erfährt Jürgen Binder die Notlagen. Er lernt den Alltag der Polozker kennen, wird in die Fabriken eingeladen, wundert sich, dass in der Glasfaserfabrik bei einer Hitze von 55 Grad, ohrenbetäubendem Lärm und glasstaubhaltiger Luft kritiklos gearbeitet wird, er spricht mit den Alten wie den Kindern, er wird in die Familien und zu deren Festen gerufen, und als er für drei Monate am Stück in Polozk bleibt, wird für ihn sogar eine Art „Schwäbische Kehrwoche“ eingeführt. Liebevoll gestaltet im Treppenhaus aufgehängt. „Kehrwoche auf Weißrussisch“.
Vor ihm war übrigens Zar Peter der Große während des Schwedischen Krieges einige Zeit hier. Wobei bezweifelt werden darf, dass letzterer derartige Einblicke wie der Freund aus Friedrichshafen erhalten hat. So wissen die Binders und ihr „Freundeskreis Polozk“ längst, dass Russen abergläubisch sind und eine Frau Glück bringt, die zwei volle Eimer Wasser trägt (also nicht helfen).
„Polozk – Gibt es da auch einen Urwald?“, ist im Verlag Robert Gessler erschienen. Als Herausgeber zeichnet der „Freundeskreis Polozk“. Die Autoren Rotraut und Jürgen Binder haben auf alle Rechte und das Honorar verzichtet, letzteres zu Gunsten der Menschen in Polozk, denen der Erlös zufließen soll.
(Erschienen: 30.06.2010 19:35)
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