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Prof. Herzog
Polozk – Gibt es da auch einen Urwald?
Gedankensplitter zu dem Buch von Rotraut und Jürgen Binder
Zum Einstand gewidmet von Prof. Martin Herzog
 
Seit einer Woche bin ich im Besitz dieses Buches. Ein Lesebuch möchte es sein. So verkündet es der Einband. Ein Lesebuch zur Partnerschaft zwischen Polozk und Friedrichshafen.
 
Mir ist es zugedacht, ein paar Worte der Rezension dem literarischen Baby zukommen zu lassen.
 
Einige werden vielleicht stutzig werden. Nachdem ich erst vor ein paar Wochen das Mühlenbuch von Ernst Haller besprochen habe, sieht es ganz so aus, als ob Euer alter OB zu guter Letzt noch Literaturkritiker werden möchte, so eine Art Taschenbuchausgabe von Marcel Reich-Ranitzki. Aber Reich-Ranitzki hätte heute Abend sicher abgelehnt, denn hier gibt es „leider“ nichts zu zerreißen, sondern viel zu loben, zu rühmen und wohl auch zu danken.
 
Mir gefällt dieses Buch ungemein gut. Es ist mir sogar ziemlich ans Herz gewachsen.
 
Was kann man Besseres über ein Druckwerk sagen?
 
Am Ende meines Beitrags komme ich noch einmal darauf zurück.
 
Es geht um eine Städtepartnerschaft.
 
Jürgen Binder, mit seiner unvergleichlich spitzen Feder, wird mir beipflichten: Unter den Städtepartnerschaften gibt e sotte ond sotte ond manchmal auch mehr sotte als sotte.
 
Die Städtepartnerschaft mit Polozk ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes.
 
Das beginnt mit der Brautschau: Gesucht war eine Stadt in einem Gebiet in der ehemaligen UdSSR, das im zweiten Weltkrieg von Deutschen verwüstet und zerstört wurde.
 
Rotraut Binder hat das Anliegen unüberbietbar klar und knapp, wie es ihre Art ist, präzisiert:
 
Wir möchten die letzten Stückchen Eis in den Seelen der Menschen, deren Heimatländer während des letzten Weltkriegs Todfeinde waren, schmelzen lassen.“
 
Diese Vision hat sich in zwei Jahrzehnten zu einem gelebten und gereiftem Miteinander entwickelt.
 
Da hat natürlich auch die Weisheit der Überlebenden, Geschundenen mitgeholfen: Marija aus Polozk sagt: Es gibt keine schlechten Nationen. Es gibt nur schlechte Menschen. So ist es.
 
Das ist die Chronologie, die dem Zeitgerüst und den Themen des Buches zugrundeliegt, sie macht aber nicht sein Wesen aus.
 
Der Freund dürrer Partnerschaftsstatistiken und Rechenschaftsberichte wird hier nicht fündig. Wieviel Besuche, wie viele Teilnehmer, wie viele Kilogramm Hilfsgüter usw.? Wer das wissen will, muss anderswo nachblättern. Im Mittelpunkt des Binderschen Lesebuches stehen Menschen, ihr Leben, ihr Alltag, ihre Freuden, ihre Gastlichkeit und auch ihr Tod.
 
Walentinas Lebensspur hat auch hier in diesem Buch für lange Zeit in Friedrichshafen einen Grabstein gefunden.
 
Natürlich führt uns das Buch auch die braune Dwina vor und die Kuppel der Klosterkirche, gewandt hingezeichnet. (Es gibt kein literarisches Monopol für J.B. Die Rotraut sitzt ihm ganz schön im Nacken.)
 
Dies alles ist im Kaleidoskop des Binderschen Gemeinschaftswerkes, aber nur, wenn auch faszinierend, Kulisse.
 
Vom Alltag in Polozk wird erzählt, durchaus kritisch und der Wahrheit verpflichtet; aber immer schimmert das fundamentale Wohlwollen und die Zuneigung, die man Freunden entgegenbringt, durch. Tenor: „Da liegt natürlich noch manches im Argen, aber wir mögen Euch und Ihr werdet‘s schon schaffen!“
 
Diese Kernbotschaft des Buches kommt so deutlich auf jeder Seite des Buches zu Tage, dass man schon genau hinschauen muss, ob der jeweilige Artikel mit „R.B.“ oder mit „J.B.“ signiert ist. Da sind sie ein Herz und eine Seele. Obwohl ich kein approbierter Eheberater bin, habe ich dem Buch die tröstliche Gewissheit entnommen: Es gibt eine prästabilisierte Harmonie zwischen dem Ehepaar Binder, die uns Mut macht zu hoffen: Wenn der Herrgott es zulässt, werden Rotraut und Jürgen dereinst – treulich geführt – ihre Goldene Hochzeit im Standesamt in Polozk oder in der Sophienkathedrale feiern können.
 
Dem Alt-OB sei es in dieser Stunde verstattet, neben dem Gratulator für dieses erfrischende, fundierte nie langweilige Lesebuch – vorzüglich präsentiert vom Verlag Geßler, der sich damit wieder einmal zu seiner Heimatstadt bekennt,
hohe Anerkennung all denen zu sagen, die diese besondere Partnerschaft am Leben und Blühen erhalten haben. Beispielhaft will ich aus dem Kreis der Verdienten zwei Persönlichkeiten herausgreifen, die nicht mehr unter uns sind:
Pfarrer Rinderspacher und Kurt Benz.
 
Durch meine reichen Wanderjahre bin ich viel im Land herumgekommen. Dies ermutigt mich zu der Aussage: Diese weißrussisch-schwäbische Partnerschaft ist von ihrem Anspruch und der Art, wie sie gelebt wird, ein Leuchtturm unter den Städtepartnerschaften des Landes. Also ganz bestimmt eine sotte und keine sotte.
 
Ganz zum Schluss:
Was hat das neue Buch mir und meiner Frau speziell gebracht?
 
Wir haben nach der Lektüre geschworen:
 
DA FAHREN WIR HIN!
 
Vivant sequentes (für Jo Büchelmeier spendiert)  - Lesen und Hinfahren heißt die Devise.
 
Für Rotraut und Jürgen, die jeder für sich das politische und kulturelle Leben unserer Stadt so oft bereichert haben, wäre es wohl die größte Freude, wenn das Buch neue Saat in die Erde senkt, zu künftiger Frucht und Ernte.